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Kairo

Besorgniserregend war die Zeit um den 28. November. Der Wahltag stand an und man hatte keine Ahnung was passieren würde. Nun, wir holten Judith ab und es ist nichts passiert. Nun sind wir also Mitte Dezember zurückgekommen, Judiths Rückflug stand an. Bis dahin konnte man in den deutschen Nachrichten nichts mehr von Kairo hören. Nun, uns zeigte es sich etwas anders, schließlich waren wir irgendwo an der Schnittstelle zwischen, dort wo die Nachrichten passieren und da, wo die Nachrichten verdauungsbereit geformt werden.

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Tahrir, Tahrir
Neugierig wie wir sind, sind wir natürlich mal zum Tahrir Platz gegangen. Aus erster Hand sah man also die Polizisten. Alle noch so jung. Und die Demonstranten, auch noch so jung. Wir kamen gerade aus der Metro, als unvermittelt eine Horde Polizisten vom Tahrir Platz eine Straße hochlief, vor sich Demonstranten, welche an einem Kreisel Stellung bezogen hatten. Jedes mal wenn man verletzte Polizisten sah oder sie herangebracht wurden, entwickelte sich eine Dynamik. Die Polizisten wirkten angestachelt, aggressiver und begannen zu laufen… Zivilisten schienen sich auf die Seiten der Polizisten zu schlagen und zu zeigen von wo denn die Täter herkamen.

Überhaupt ist es total interessant mal nicht nur die Kameraperspektive einzunehmen. So wirklich viel vermittelt sie ja nicht, abgesehen von Brutalität natürlich…So sieht man zwar, dass selbst in dieser Situation alle zwar angespannt sind, aber man sieht eben auch, dass es nicht nur die Demonstranten und die Polizisten/ Militärs sind, die das Bild prägen. Überall stehen Zivilisten, ratlos vielleicht, manche durchaus panisch und manche vielleicht auch gleichgültig. Geht man ein, zwei Seitenstraßen weiter so findet man das übliche Leben auf Kairos Straßen: Straßencafes in denen heiße Tees und dampfende Shishas serviert werden…
Aber auch ist es interessant zu sehen, was so passiert, in Sachen Dynamik: während wir so auf den Platz schauen kommt zuerst auf den Platz zu eine riesige Kolonie von Polizisten. Die Schaulustigen rufen und klatschen.. Später dann, als man nichts mehr erkennen kann, kommt auf einmal eine Horde Demonstranten, vom Platz weg, auf uns zugelaufen. Wir flüchten uns an den Rand, aber da hat sich die Laufgruppe auch schon wieder aufgelöst. Schnell kann es also gehen, dass man vielleicht doch mehr ins Gedränge kommt, als einem lieb sein mag…

Die vielen Seiten einer Wahrheit
Mittlerweile gab es auch wieder Nachrichten von den Ausschreitungen, deren Inhalte jedoch zeitweilig divergent waren. Auslöser der Ausschreitungen die wir mitbekamen steht, so alle drei Fassungen die ich kenne, in Verbindung mit dem Thema Fussbal. Ein Passant, der uns mitteilte, dass nur zwei Leute gestorben seien, bis jetzt, sagte, dass zwei Leute einen Fussbal über ein Regierungsgebäude geschossen haben, nicht reingelassen wurden, dies jedoch taten und dann verprügelt wurden. Eine Nachrichtenfassung sagt, dass sie reingelockt wurden und dann dort verprügelt wurden. Eine andere sagt, dass es sich um einen Fussballspieler handelt, der während einer friedlichen Demonstration oder sonst irgendwo von Polizisten zwischengenommen wurde. Die Reaktion waren natürlich Ausschreitungen. Was auch immer die Wahrheit sein mag. Mir hat dies jedenfalls gezeigt, dass von Nachrichten durchweg Stille-Post-Phänomene zu erwarten sind. Mal abgesehen von mutwilliger Verformung durch die Medien überhaupt.

Die anderen
Interessanterweise haben sich in unserem Hotel auch zwei Photographen eingerichtet. Sie verdienen ihr Geld wohl mit den besten Photos während sich Mensch und Mensch Leid zufügen. Meine Wahrnehmung von ihnen war ziemlich einseitig, da mein erster und einziger Versuch ein Gespräch aufzubauen ziemlich wortkarg abgewatscht wurde. Ich bin deswegen nicht traurig, hab jedoch hierdurch und durch die allgemeinen Gespräche zwischen den beiden, meine Kategorie: Arrogant entwickelt. Professionell sieht man wie sich die beiden für die Straße fertig machen. „Ohne Reisepass kannst du nicht gehen. Ein Personalausweis zählt hier garnichts“. Ich hätte gerne meine Vorurteile vertieft oder aufgehoben, aber wenig erfuhr man von ihnen. Wortfetzen vielleicht. Etwas abschätzig wurde über den jüngsten Demonstrationszug der Frauen gesprochen.. Die Bilder der von Militärs entblössten und misshandelten Frauen gingen ja zu genüge durch die Medien. Vermutlich hat man einfach eine andere Perspektive wenn das Leid anderer Menschen zur Einkommensgrundlage wird. Meiner Sicht nach jedenfalls waren die mir zu technisch als dass ich sie in ihrer Tätigkeit idealisieren wollen würde. So von wegen Ungerechtigkeiten visualisieren und der ganzen Welt präsentieren.. Ziemlich schwarz-weiss.. aber sind das nicht auch schöne Photos?!

Ausnahmsweise?
Interessant war auch der südliche Teil des Tahrirplatzes. Hier durchging man Polizeikontrollen und war auf einmal in einem Gebiet, in dem es von Polizisten nur so wimmelte. Einsatzwagen voller Polizisten und absolut garnichts zu tun. Das Gebiet war mit Stacheldraht und direkt zum Tahrirplatz mit fetten ca. 3m hoch gestapelten Betonquadern abgesperrt.
Ich denke es ist zum einen relativ ungefährlich in Kairo als Tourist unterwegs zu sein und zum anderen wirklich eine Horizonterweiterung, die ich sprachlich ziemlich schlecht umsetzen kann. Schläft man in der Nähe so kommt man z.B. des Nachts nicht umhin den Fortgang der Eskalationen zu erleben. Schreie, Rufe, Schüsse, Stille. Schüsse, Schreie. Irgendwann Stille… Schlaf.

Gewisse Dinge sollte man natürlich überdenken, wie z.B. direkt den Fotoapparat auszupacken, sobald man was spannendes sieht. Zugegeben auch wir hatten das vor und versucht. Wochen später hab ich jedoch erfahren, dass man in Kairo zunehmend photgraphierenden Touristen vorwirft zu spionieren. Könnte also bisweilen ungemütlich werden.

Also für den Fall, dass: Dein Personalausweis zählt hier garnichts!
🙂

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