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Wie Karl Marx Troja eroberte

Hochmotiviert durch meine Begegnung mit Izzy plante ich von Istanbul meinen weiteren Weg per Anhalter zu bestreiten. Sie war ja drei Monate mit dem Daumen im Wind durch die Türkei unterwegs und kannte noch nichtmal Udo Lindenberg!!!
Mein nächstes Ziel sollte Canakalle sein, dort hatte ich einen Couchsurfer gefunden, der mich aufnehmen mochte – doch bis dorthin war es ein weiter Weg. Also nahm ich erstmal die ersten fünf Stunden Busfahrt auf mich und sah zum ersten mal wirklich etwas von der Türkei. Draußen kalt und ungemütlich ging es, um keine Kurve verlegen, um und entlang einer Berg- oder Starkhügeligen Landschaft, deren Panoramatauglichkeit spätestens durch schneebedeckte Berge in der Ferne als erwiesen zu betrachten gilt.
Also sehr schön, aber auch anstrengend.
Angekommen in Bursa lief ich vom Otogar, dem Busbahnhof, zur nächsten Autobahnauffahrt. Die nächsten 300km wollte ich von hier per Anhalter zurücklegen. Nachdem ich aber nun eine Stunde lang, im Nieselregen, ziemlich viele Autos an mir vorbeifahren sah, entschied ich mich dann doch für den Bus, da dieser wieder über 5h brauchen würde. Etwas genervt und erschöpft, stieg ich also in den Bus…

Angekommen in Canakalle, wollte ich am liebsten gleich ins Bett fallen, da ging es aber natürlich nicht hin, sondern mit meinem Couchsurfer Önder erstmal in die Kneipe, wo er sich häufig bis täglich mit seinen Freunden trifft.
Nun mag der/die geneigte LeserIn sich vielleicht fragen wie so eine türkische Kneipe in einer türkischen Studentenstadt aussieht. Mein Erfahrungsschatz bestand bislang aus den Punker-Kneipen der Wahl in Kalk und Mülheim als wie die typisch deutsch-rustikale Kneipe um et Eck.
Hier war es tatsächlich anders, es lief Musik – keine Ahnung was für welche – aber definitiv von türkisch oder jedenfalls türkisch singenden Künstlern – und es saßen viele Leute rum, tranken Bier und quatschten und gingen raus zum rauchen. Klingt bisher aber auch bekannt. Das unbekannte: überall lagen Spiele herum. Ob es jetzt das Oldskool Backgammon ist oder sowas wie Therapy oder Activity – alles vorhanden und die Leute benutzten das auch regelmässig. Das war für mich neu und ich fands gut.
Hier lernte ich Önders Freundeskreis kennen. Alle waren ziemlich interessiert, aber keiner sprach Englisch. Eine Studentin, die gerade mit Englisch anfing, schien sich sehr darauf zu konzentrieren einen speziellen Dialekt zu entwickeln, was ziemlich lustig war, da sie wirklich grad erst mit der Sprache angefangen hatte. Überhaupt habe ich dort gemerkt, wieviel Zeit ich damit zubringen kann eine Sprache nicht zu verstehen. Ich war schließlich von Önder abhängig, der zwar immer bemüht war hin und her zu vermitteln, was sein Alkoholpegel aber irgendwann nicht mehr zuliess, was mich mehr der Englischstudentin mit ihrem ausgeprägten was-auch-immer-dialekt auslieferte. Irgendwann dann ging es doch nach Hause.

Die folgenden Tage waren regnerisch und so blieb ich mit einer kleinen Erkältung, doch fünf Tage bei Önder und tat nicht viel. In der Nähe von Canakalle liegt Troja, dessen Ruinen laut einhelliger Meinung wohl nicht den Eintrittspreis wert sind. In Canakalle selbst steht das Trojanische Pferd, welches für den Film Troja genutzt wurde. Ganz in der Nähe ist auch Gallipoli, auf dieser Halbinsel kann man sich Kriegsdenkmäler anschauen. Hier haben im ersten Weltkrieg, Neuseeländer und Australier gegen die Türken gekämpft und zu einem bestimmten Tag kommen ganz viele Leute dann angeflogen. Da wohl vorrangig Kriegsgräber und Denkmäler zu sehen seien, verzichtete ich auf den Spaß

Der Alltag den ich dann mit Önder teilte war so:
So um 10 oder 11 wird Önder wach, checkt Facebook, ich habe währenddessen schon einen Film gesehen – wir gehen irgendwann Frühstück kaufen und gehen in das Stamm – wie soll ich sagen..Teehaus. Wo, egal zu welcher Tageszeit, ziemlich viele Menschen sitzen. Hier treffen wir dann seine Freunde, mit denen ich mich nicht verständigen kann, und sie trinken Tee und spielen Tavla (Backgammon). Mehrere der Freunde interessieren sich auch sehr für deutsche Klassiker..Schiller, Goethe aber auch Hegel und Heidegger werden hofiert. Hätte nie gedacht, dass ich mal in der Türkei sagen werde, dass der Gedanke an die Leiden des jungen Werther in mir auch großes Leiden hervorrufen…Da bin ich eigentlich dann froh um die literarische Einschränkung die mir in der Realschule widerfahren ist – immerhin gab’s Hesse.
Irgendwann ist die Teehaussitzung dann vorbei. Wir gammeln zu Hause rum, quatschen oder sitzen vor unseren Computern (Ich will ja jetzt nichts beschönigen) und dann kommen entweder Freunde, mit denen er was Musik macht und später oder früher geht es in die Stammkneipe, wo ein paar Bierchen gezischt werden, dann geht es so um eins ins Bett…
und täglich grüßt dann das Murmeltier.

Eines Tages kam dann noch spät nachts eine Freundin von Önder und schlief bei ihm, und ich dachte es wäre seine Freundin – aber wie sich rausstellte – eine Freundin. Am nächsten morgen kam eine zweite und nachdem ich längere Zeit nichts verstand wurde ich auf einmal gefragt, ob ich denn Che Guevara gut finde. Wie ich schon vorher erfahren durfte, sind viele aus seinem Freundeskreis Kommunisten.
Ich hielt mich hier mit Begeisterungsrufen zurück und vertat die, vielleicht typisch deutsche, Position, dass Waffengewalt ja nicht der beste Ansatz sei und ich dementsprechend auch nicht von jemand begeistert sein kann, der eben jene einsetzt um seine Ziele durchzubringen.

An dieser Stelle möchte ich auf einen Reifeprozess hinweisen, da auch ich mal begeistert eine Che Guevara Biographie las und so einen bewaffneten Kampf für das Gute ja auch echt nötig fand.
Dies sorgte dann erstmal für Stille und dann eine etwas unbeholfene Diskussion, in der Önder übersetzte, aber gleichzeitig meinte, dass sein Englisch nicht ausreiche um seine Position zu vertreten. War dann auch egal. Wir gingen dann wieder raus und später lud mich dann eine Freundin von Önder zum Pizza essen bei sich zu Hause ein. Das war irgendwie komisch und dem lieben Önder war es auch zu viel Busfahrerei, sodass ich dann natürlich nicht hinging. Ich fand es komisch von einer Frau in eine 2er Frauen WG eingeladen zu werden ohne, dass es nötig gewesen wäre, dass Önder mitkäme – noch dazu war die Kommunikation stark eingeschränkt. Naja, vielleicht ist alles auch offener, als ich bisher annahm.

Nachdem die Tage so dahinplätscherten wurde es Zeit sich wieder auf die Socken zu machen – es ist für mich immer schon schwierig einzuschätzen, inwiefern es für jemand okay ist, dass ich so lang da bin oder eben nicht.

Sehr Kontrastreich zu den Erfahrungen in Istanbul kam ich hier mit Gleichaltrigen zusammen, die wenig berührt von der islamischen Kultur, ein – nach außen hin – normales Studentenleben führten. Inwiefern konservative Prägungen z.B. was die Partnerschaftsführung und die Mann/Frau Situation vorhanden sind, lässt sich für mich nicht so richtig sagen – aber alleine die Situation, dass eine Freundin bei einem Freund, einfach so im selben Raum, im selben Bett schläft – würde ich jetzt schon als ziemlich „frei“ betrachten. Oder auch die Einladung von den Mädels zum Pizza essen… Bei den Jungs aus Istanbul würde ich vermuten, dass das nur vertretbar wäre, wenn die Anwesenheit der Frau sexuelle Zwecke hat.

P.S. Vielleicht hat Karl Marx Troja nie gesehen. Beim Film bin ich mir sogar sicher.

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