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Ein Abschiedslied an das Lotterleben

Bevor mich nun in zwei Tagen (mittlerweile ein paar Stunden – hat lange gebraucht das zu schreiben) eine neue Realität einholt, wollte ich mal auf die vergangene Zeit zurückblicken. Die Frage ist wo denn bitte anfangen. Als ich heute morgen noch auf einer Landstraße stand und in die völlig falsche Richtung getrampt bin, gingen mir eine Menge Dinge durch den Kopf. Schön und gut. Jetzt sind sie alle wieder in den Hirnwindungen verschwunden zu Tee und Baklava und müssen mühsam hervorgezogen werden…

In den letzten Wochen hat sich bei mir vor allem eine Erkenntniss zur Art des Reisens durchgerungen. Oder, naja. Sagen wir der Anfang einer Erkenntnis, die ziemlich plural und gleichermaßen unwesentlich ist…
Ich glaube eigentlich, dass es kein wirkliches Schema oder eine Schablone vom Reisen gibt und doch sind gewisse Dinge signifikant und eigentlich wiederholt sich doch alles bis zur endlichkeit und nicht darüber hinaus: Schlafen, Essen, Transport – das kann man in allen möglichen Preisklassen machen und das ist eigentlich auch nur der Unterschied, die Grenzlinie die man zwischen Tourist und Reisendem ziehen könnte. (So ähnlich hat das auch mal jemand mit akademischen Abschluss gesagt, bin nur zu faul den Link zu suchen). Also doch ein Schema…

Bis zuletzt habe ich eigentlich viel zu sehr in den Reiseführerkategorien gedacht, habe überlegt wo ich hinwill, ob es sich lohnt und so weiter, versucht Kosten mit Nutzen abzuwägen.
Irgendwann kommt man dann an den Punkt, dass man ganz genau weiss, was man nicht will – zumindest für eine Zeitlang. Ist dies erreicht, so ist dann auch der Punkt gekommen, wo man den Reiseführer eigentlich und fast schon endlich, beseite legen kann. Und doch stimmt auch das nicht so. (Das ich das “man” nutze nervt mich übrigens auch, aber diese Generalisierung und Entpersonalisierung hat so etwas “generelles” und ist gut einsetzbar 🙂 )
Das trampen hat mich öfters in Orte geführt, die nicht im Reiseführer stehen. Super eigentlich. Total individuell in irgendeinem Kaff gelandet. Aber plötzlich kommt die Realität um die Ecke. Zack bumm. Man weiss nicht ob es Unterkünfte im bezahlbaren Rahmen gibt und was man sonst so oder überhaupt machen soll. Zu was würdet ihr einem Touristen in Euskirchen raten? Den nächsten Zug nach Köln nehmen, vermutlich.
Davon mal abgesehenwerd ich auch manchmal angeschaut wie ein Auto auf zwei Beinen und mit Rucksack hinten dran. Der Entdeckungsgeist geht schnell flöten und eigentlich will ich dann einfach nur nicht mehr auffallen.
Dennoch, sich in und durch Touristenmassen zu quetschen ist genauso nervig. Was also tun sprach das Huhn, dass sich an den Osterhasen verkauft hatte. Es gibt halt Gegenden, da gehen Touristen hin, aber vielleicht nicht so viele oder eben welche, mit denen man auch gut klarkommt. Da bin ich dann halt gern. Das war jedenfalls so meine Beobachtung im Osten der Türkei – und so richtig weit im Osten war ich ja noch nichtmals.

Eine Weisheit kann ich hier jedoch anführen, die natürlich nicht von mir kommt, sondern von einem Menschen der die U.S. Amerikanische Staatsbürgerschaft innehat und gerade ein Buch schreibt wie das Wirtschaftssystem revolutioniert und gerechter gemacht werden kann. Das hat jetzt damit aber nicht so viel zu tun.
Seine Meinung war, dass das was in der Reise mit einem selbst passiert und das was man an Prozessen erwartet immer eine innere Reise, die Auseinandersetzung mit sich selbst ist. Somit gibt es prinzipiell keinen Ort, der besser oder schlechter dafür geeignet ist. Dem ist meiner Meinung nach schon hinzuzufügen, dass touristisch stark entwickelte Regionen dieses Potential verloren haben – aber das sind dann dennoch die Orte wo man gerne mal hingeht um wieder Energie aufzutanken. Das zu begrüßen und als Möglichkeit zu sehen fällt mir jedoch noch etwas schwer.

Wenn ich mich so anschaue und mich als Schwamm betrachte, war ich ja sowieso irgendwann so vollgesogen, dass es für mich garnicht mehr funktionierte meinen Tagesplan am Sightseeing zu orientieren und entsprechend anzugehen. Das ist dann der Punkt wo die Frage einsetzt: Was mache ich eigentlich, was erwarte ich jetzt noch und werseiddasihr? Ist es okay, wenn ich ne Menge Actionfilme gucke oder verpasse ich gerade etwas?
Als Konsequenz hieraus und natürlich weil ich kein Geld mehr hatte, habe ich auch dann den Rückflug gebucht, um wieder eine Art Rahmen zu haben, der Planbarkeit hergestellt hat. Das hat dann gut geklappt und es waren noch schöne Wochen mit interessanten Begegnungen. Ich sag nur eins um euch am Ball zu halten: Waffenhändler ;).

Kommen wir vom Nahen jetzt aber mal zum Fernen und schauen zurück, wie der ganze Scheiß mit dem Reisen so angefangen hat und was Klein-Janos so alles gelernt hat.

Vorbereitung oder: Wenn einer eine Reise plant
Ich würde sagen, all die Zeit die ich in Recherchen investiert habe, hätte ich gut um die Hälfte kürzen können. Wenn man so liest und recherchiert, dann kommt man von Hölzchen auf Stöckchen und das Internet hat unglaublich viel Holz vor der Hütte. Trotzdem findet man dann bestimmt mal irgendwo gute Tipps, die man sowieso nicht berücksichtigt, weil man sie drei Monate später anwenden könnte, aber längst vergessen hat.
Vielleicht ist es auch eine eigene Unfähigkeit, aber ich fand es enorm schwierig einen Reiseverlauf vor der Reise zu planen und selbst während der Reise war es selten möglich einen Wochenplan zu konschtruieren. Ein ganz heißer Tipp: Am besten einfach eine Richtung festlegen. Norden, Wüsten, Südseen, Osten. Das grenzt die Sache unheimlich ein.
Aber wirklich. Man liest auch so unglaublich viel Scheiß. Zum Beispiel die Sicherheit auf Reisen betreffend. Daraus hervorgehend, hab ich mir einen Schloßmechanismuskram gekauft und Judith dann in Ägypten wieder mit auf den Heimweg gegeben.
Und tatsächlich hab ich auch Menschen gesehen, die das vielleicht auch lasen oder vielmehr, die auch so ein Sicherheitsbedürfnis haben und dann so kleine Schlösser an ihren Rucksäcken montieren oder ganze komische Bänder drumherum.

Es mag sicherlich Gegenden geben in denen sowas eine gute Idee ist. Aber ich glaub in einem muslimischen Land ist das vielleicht schon ein visueller Affront. Naja, jedenfalls hab ich überlegt ob mein Rucksack sicherer ist, wenn ich mir keine Sorgen mache oder ihn komplett vermine und jeder es sieht…
Nachdem es also viel Potential gibt sich in Planungen zu verlieren, die im Endeffekt für’n Arsch sind, gibt es noch viel mehr Potential für Misswirtschaft wenn es um Geld geht.

Ich weiß nicht warum es so ist, aber wenn ich einer Gruppe von circa 10-15 Menschen begegene, die so aussehen als hätten sie gerade einen Outdoorladen leergekauft (natürlich nur den Bekleidungsbereich: Streetwear) – dann bleibt mir nichts anderes übrig, als an Deutsche zu denken. Und was sind es: Deutsche. Und ich: ja, ich bin auch ein Teil dieser 99%.
Während ich also meine mit fetten Bergwanderschuhen und super-Deuterrucksack fürs Reisen bestgewappnet zu sein, gibt es auch tapfere Knappen die sich von überall her mit Firlefanz ausgerüstet haben und mindestens genauso viel Spaß haben.
Eigentlich erschreckend, dass so ein Überversorgungsbedürfnis bei der Reisevorbereitung zugeschlagen hat. Das gute wiederum: Irgendwann merke ich, dass ich nicht mehr den Esel reite, sondern der Esel mich. Gewicht hat halt einfach seinen Namen verdient und spielt daher eine gewichtige Rolle, wenn es um die Erkenntnis geht, dass zuviel guter Kram halt auch zuviel des guten ist.

Praxiserfahrung: Reisen
Ich bin froh, dass ich nirgendwo aufgeschrieben hab, was ich alles für Sorgen und Ängste vorm Reisen hatte oder vielmehr hoffe ich diese Notizen nicht mehr zu finden. Mal ganz abgesehen von den Gesprächen mit Menschen, denen ich damit ewig lang in den Ohren lag. Um es ganz mal lapidar zu sagen: es gibt schon schlimmeres als irgendwo in der Welt zu sein, den ganzen Tag zur Verfügung zu haben und machen zu können, was man will. Geld ist hier natürlich der Schlüssel – aber selbst mit wenig kommt man ja irgendwie zurecht und erfährt noch kreativere Wege den Alltag zu gestalten (gut, dass klingt vielleicht etwas zu schön gefärbt). Trotzdem hab ich mittlerweile Menschen getroffen, die ihr Budget weitaus besser im Griff hatten und dann einfach mal zur Schokolade, die vielleicht auch nur 40cent kostet, nein sagen. Das berühmte Kleinvieh..
Dennoch ist es nicht so – jedenfalls, aus meiner Perspektive, dass ich jeden Tag mit einem Jubel aus dem Bett oder Zelt gesprungen bin. Wenn ich mir Photos ansehe, dann haben sie eine ganz kuriose Wirkung. Den Sinai habe ich erst so richtig “lieben gelernt” als ich mir in der Türkei die Bilder angeschaut habe. So eine Idiealisierung (sic! 😉 ). Bin ich dann erstmal aus der ganzen Reise wird sie wahrscheinlich ganz groß und supertoll und so, während sie im jetzt einfach das ist, was ich gerade mache. Hierzu habe ich mal was schlaues von einem Menschen gelesen, der mit geringem Budget reist. Er sagt gerade bei den alltäglichen Dingen versucht er die Kosten so gering zu halten wie möglich, um sich kostenintensivere Touren leisten zu können – an welche, er sich maßgeblich erinnern wird. Muss sagen, da ist schon was dran.

Bisschen mehr Selbstdisziplin
Wenn ich mir dann überlege, das ich so den ganzen Tag eigentlich nur damit beschäftigt bin von a) über c) nach b) zu kommen, was zu essen und mir was anzuschauen, dann bleibt schon Zeit übrig, die ich effektiv nutzen könnte. Dies habe ich jedoch nicht gemacht. Hätte weitaus mehr türkisch oder arabisch lernen können. Aber hab’s halt nicht gemacht. Bin gespannt ob es bei der nächsten Reise wieder so kommt. Jedenfalls hat sich mir insbesondere in der Türkei nochmal gezeigt, dass Sprache hier ein unheimlicher Schlüssel wäre und selbst wenn es nur die ewiggleichen Gespräche über Familienstand, Reiseweg und Beruf sind.

Was bleibt also nun übrig, wo ich nicht auf gepacktem Rucksack sitze, da es zu unbequem wäre ?
So sehr ich auch manchmal überlege, das sechs Monate jetzt auch keine lange Zeit ist, bin ich gleichermaßen froh, dass es “schon” und auch “nur” ein halbes Jahr war. Froh bin ich auch über die Menschen, die ich getroffen habe, die dieses Fernweh angetrieben haben und ich letztlich den Mut fassen konnte. Rückblickend bemitleide ich mich ja schon selbst ob dieser Zweifel und so weiter. Aber gut. Eine wesentliche Erkenntnis gemacht.
Ich bin gespannt wie schnell mich wieder Alltag nerven wird und ob es irgendwie möglich sein wird mit dieser Realität glücklich sein zu können.

Das schöne eigentlich ist es all diese unterschiedlichen Realitäten sehen zu können und doch hat es etwas realitätsfernes, weil ich sie mir selbst nicht wirklich als meine Realität wünsche.
Nun. Was auch immer so innerlich in einem reist, es ist schwer zu Papier zu bringen und wird sich wohl irgendwo zeigen und bei der nächsten Reise weiterwachsen.

Jedenfalls ist für mich der Mythos begraben, dass nur die ganz supercoolen Reisen können…oder aber ich bin jetzt auch supercool. Dennoch, die supercoolen sind ja eigentlich dann die, die im Iran, im Irak, in Pakistan oder sonstwo waren. Aber das steht in einem anderen Kapitel und ohne Frage ist es bestimmt cool in solchen Ländern unterwegs zu sein. Ängste sind also noch ausreichend da.

Aber Ende erstmal. Als Abschiedsgruß dann noch nen Klingelton:

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