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Jerusalem

Es war ein kalter, regnerischer Freitagabend an dem wir in Jerusalem ankamen. Kein Bus und keine Bahn fuhr mehr und so wateten wir durch den Regen und gingen, ganz wie damals Maria und Josef, von Unterkunft zu Unterkunft. Völlig durchnässt erreichten wir die erste Herberge: Dormitories voll, Doppelzimmer zu teuer und überhaupt, sah das auch nach viel zu schickem Luxus-Traveller Establishment für poor Mary and Joseph aus, obwohl es voller Esel war. (Für diese hochnäsige Bemerkung habe ich allah Wahrscheinlichkeit nach dort dann auch meinen Middle East Lonely Planet liegen lassen – Anm. d. Red.).

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Das zweite Hostel hatte dann noch zwei Betten in einem Dorm übrig. Preis war dann auch echt egal, wir wollten einfach im trockenen sein.
Dieses Hostel zeichnete sich besonders durch kuriose Begegnungen aus. Es schien mehrere Leute zu beherbergen, die für Logis hier mitarbeiteten. Ein Mann war hier, quasi als Refugee, aus Amerika. Warum? Drohende Strafverfolgung. Ich erhielt den weisen Ratschlag es niemals mit krummen Dingern zu versuchen, sowas würde man so schnell nicht wieder los.
Aber auch die Gäste sind manchmal bemerkenswert. So begab es sich in diesem Hostel, dass wir uns den Raum mit einem holländischen Pärchen und einem Freundespaar, aus Argentinien, wobei einer nach Israel immigriert ist, teilten. Letztere kamen übrigens gerade vom Urlaub aus Russland und waren ganz fasziniert, wie es so ist bei -30° draußen zu sein.

Zum ersten Mal hab ich nun in so einer Kurzzeitwohngemeinschaft eine Zickerei mitbekommen.
Eigentlich waren alle so halbwegs am schlafen, nur das Pärchen unterhielt sich noch. Dann fragte ich ob ich nicht das Licht ausmachen sollte. Argentinien gab die Frage an Holland weiter, die garnicht soviel dazu sagten. Gesagt getan. Nach einer Weile warf das Pärchen dann dem Argentinier vor, dass er sie rausgeschmissen hätte oder man könnte es auch blöd rauskomplimentiert nennen. Naja. Dann sind sie halt auch gegangen. Niemand hat es so recht verstanden, aber so ist das vielleicht einfach manchmal. Am nächsten Morgen hatten wir dann den Eindruck, dass die beiden das Konzept von “beìderseitiger Rücksichtnahme” einfach anders oder garnicht verstanden hatten. Während wir nämlich noch etwas schlafen wollten, fingen die beiden munter drauflos an zu quatschen ohne überhaupt so zu tun als hätten sie mal kurz überlegt ihre Stimmen aus Rücksicht zu senken..

Altstadt
Halbwegs ausgeruht und wieder trocken schulterten wir am nächsten Morgen unser Gepäck und liefen durch ein ziemlich ruhiges, beinahe menschenleeres Jerusalem Richtung Altstadt, da es sich dort wesentlich günstiger unterkommen lässt.
Wir landeten im “New Swedish Hostel” das absolut keine der Assoziationen erfüllte, die einem da so einfallen könnten. Wir hatten hier eine kleine Hobbithöhle für uns, in der ich so gerade stehen konnte und selbst Judith musste sich beim eintreten ducken . In dem Hostel arbeitete ein kurioser Mann der gegenüber Frauen immer superfreundlich war und für mich selten warme Worte übrig hatte. Jedenfalls war er so etwas wie ein wandelnder Brockhaus, was durchaus interessant war. Schade war nur, dass ihm ein bisschen das Interesse an einem Dialog mit seinen Gesprächspartnern abging, welche er kontinuierlich vollquatschte…den ganzen Tag…

Da sind wir nun im Zentrum der Religionen, dem Zankapfel der Zeitgeschichte. Die moderne Geschichte hat sich hier ihr Denkmal in Form von Einschusslöcher gesetzt.
Wenig lässt sich auch dieses Potpurri beschreiben, als dass es schon erlebt werden muss..
all die Menschen in ihren religiösen Trachten, Palästinenser, Israelis, traditionell gekleidete Touristen – alles da. Zwischen diesem alten Gemäuer zu wandeln, die Unterschiede wenn man vom arabischen ins jüdische Viertel geht, dann am höchst verschlossenen armenischen Viertel vorbeikommt, die vielfotografierte Klagemauer und ihre betenden Besucher sehen und natürlich fotografieren…und soviel mehr…Für geschichtlich, religiös Interessierte gibts natürlich eine Menge zu entdecken. Wie schon mehrfach angemerkt, fällt es mir stets schwer, da in die Tiefe zu gehen. Den Felsendom hab ich trotzdem erkannt
Faszinierend sind auch die Gruppentouren, deren Vorhut stets etwas in die Höhe hält. Ob die Ähnlichkeit zur “Folgt-der-Sandale-Szene” bei das Leben des Brian zufällig ist?

Sehr überrascht waren wir dann, als wir einer Empfehlung des Reiseführers folgten und uns auf einmal im arabischen Viertel in einem Raum wiederfanden, der auch eine Werkstätt hätte sein können. Hier konnte man sich eine Pizza bauen lassen. Zwei Varianten: mit Fleisch oder ohne Fleisch. Die ohne Fleisch bestand aus zwei Eiern, im wesentlichen. So was erwartet man bei einer Reiseführerempfehlung, mit dem Vermerk auf frische Zubereitung nun nicht wirklich. Aber es war lecker, wir waren satt und das ist doch eigentlich das schöne, an solch unerwartete Örtchen zu kommen.
Im arabischen Viertel ist auch ein ziemlich umfangreicher, wenn nicht riesiger Souq (Bazar) beheimatet, in dem man allen möglichen Tinnef kaufen kann. Neben dem auf Souvenirs spezialisiertem Hauptteil findet man dann weiter auch allen möglichen Bedarf, falls man sich also ein Stück Rind oder eine Bettdecke oder sonstigen Hausbedarf zulegen will. Kurzum, man ist auf arabischem Terrain.

Unser aller Geschichte
Bewegend war der Besuch in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, in der man vielleicht alles sieht, wenn man acht Stunden einplant – aber ob man dann alles verdauen kann?
Während man so von Station zu Station geht, sieht man Fundstücke, Texttafeln, Videos von Zeitzeugeninterviews und im wesentlichen, den Ansatz den einzelnen Menschen hinter der Zahl “6 Millionen” hervorzuheben. Gewisse Dinge hat man natürlich schon gehört und gesehen, aber das dann alles in dieser geballten Form zu erleben, war schon ziemlich bewegend… Alte Gleise die nach Auschwitz führten, Modelle der Vernichtungslager und KZ’s, Gewehre jüdischer Partisanen, Bettengestelle aus KZ’s. Die Geschichte wurde hier wirklich greifbar, nachvollziehbar und Raum für Raum fesselte uns. Fünf Stunden vergingen wie im Flug und dann hieß es schon, dass geschlossen wird. Gesehen hatten wir vielleicht erst 2/3 der Räume.
Die Ausstellung endet in einem Raum, dessen Wände mit Regalen komplett ausgefüllt sind. Hier sollen alle 6 Millionen Menschen einen Namen und soweit es geht ihre Geschichte und einen Ort erhalten, vielleicht lässt es sich als letzte Ruhestätte betrachten. Bislang sind es drei Millionen.

Von der Decke hängt eine Art Kegel in dessen Innerem die Portraits vieler Opfer auf einen niederschauen.
Nach diesen fünf Stunden – und natürlich nicht erst seit diesen – fällt es schwer zu verstehen. Es fällt schwer nachzuvollziehen, wie Menschen sich ernsthaft Revisionisten des Holocaust nennen können und unter vielem anderen, bemäkeln, dass der industrielle Mord technisch bestreitbar sei. Und trotzdem ist es so.
Link: julius-hensel.com/2012/03/appell-an-deutsche-historiker/

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