Galerie

Gedanken zum Reisen

Meine lieben Leser. Die Halbzeit ist schon lange angepfiffen, die letzten zwanzig Minuten stehen an…Zeit einmal zurückzublicken und ein bisschen über das Reisen nachzudenken. Jones ist am Ball..

Die Illusion des Individualtourismus

Immer wieder mal habe ich ja aufgegriffen wie mir Tourismus vorkommt. Mit Erschrecken habe ich nun irgendwann tatsächlich festgestellt, dass auch ich ja Tourist bin. Oder etwa nicht? Nähe ich mir die Kategorie „Reisender“ auf mein Rucksäckchen, bin ich dann „anders“?
Immer wieder denke ich darüber nach, wie sich wohl mein Selbstbild als Mensch der in anderen Ländern ist, mit der Wahrnehmung durch jene andere „Einheimische“ verhält…

In Ägypten war ich ja zuerst ganz überrascht als ich andere Touristen sah. Begleitet von zwei arabisch-sprechenden fühlte ich mich schließlich total angepasst! Noch dazu, dass ich ja höchstkorrekt darauf achtete langärmlige, hoselige Bekleidung zu tragen, müsste ich doch eigentlich von einem „Local“ garnicht zu unterscheiden sein. Pustekuchen war dann ziemlich oft die Antwort, wenn mir mal wieder was zum Egyptian Price oder überhaupt etwas angedreht werden wollte. In Jordanien war die Situation kaum anders. Aber immer noch wertete ich mich selber auf, indem ich dachte, mich gewissen kulturellen Gepflogenheiten gut anpassen zu können.
Aber macht das soviel Unterschied? Die Begegnung mit der Bevölkerung ist doch letzten Endes auf den Warenaustausch fixiert und durch meine Sprachbarriere wird dies zusätzlich verstärkt.
Doch: ist das nicht auch ganz normal? Unterscheide ich mich tatsächlich so sehr von dem Menschen, der auch aus einem anderen Land kommt und ganz andere Absichten haben mag, sich vielleicht garnichtmal so für die Kultur interessiert?! Sind wir primär nicht einfach nur die, die Geld ins Land bringen? Die einen mehr, die anderen weniger…

Ich stimme hiermit den Abgesang auf meine bisherigen naiven Beobachtungen und Selbsteinschätzungen an. Bin ich nicht in all der Bemühung um „anderes Reisen“ einem gewissen Ethnozentrismus zu Opfer gefallen? All das Handeln in Ägypten, meine Entäuschung, wenn ich Opfer des über-den-Tisch-ziehens geworden bin…
Wer bin ich, dass ich das eine zeitlang prinzipiell verurteilte? Ich mache die allgegenwärtige ökonomische Abhängigkeit des Landes vom Tourismus aus, sehe und erlebe die Folgen und stilisiere mich zum Opfer. Der aufrichtige, alternative Reisende. Jaja.
Ich erkenne die Umstände, aber indem ich in das Land komme nutze ich sie auch zu meinem Vorteil, also warum weigere ich mich denn so das stillschweigende Abkommen des „zahl-mehr-als-nötig“ einzuhalten? Das ich heute vielleicht von jemandem abgezockt werde, hilft ihm morgen gewiss auch nicht weiter. Aber: es wird immer weiter Touristen geben…
Mir fällt einfach keine eindeutige Antwort ein.

Zurück zu Grundüberlegungen zum Reisen…
Es ist ja kein Geheimnis dass es ein Bedürfnis des Reisenden sein mag (Ja, jetzt mach ich also doch eine Differenzierung zum Touristen) , abseits von Tauschgeschäften die Gedanken, Ideen und Wünsche, die kulturellen Gepflogenheiten der Menschen des Landes kennen zu lernen.
Aber ist das auch wirklich möglich? Wenn tausende und millionen von Menschen in ein Land reisen um authentische Erfahrungen zu machen, was bleibt dann tatsächlich davon übrig? Hätte ich immer Lust einen der 200 Südkoreaner die täglich in mein Dorf kommen auf einen Kaffee in mein Haus einzuladen?

Nimmt man unseren Aufenthalt beim Couchsurfer Mohammed in Bahariya/Ägypten, mein kleines Gespräch mit Mohammed in Wadi Musa/Jordanien oder jüngste Couchsurfing Erfahrungen in Istanbul, passiert sowas natürlich schon. Nimmt man nun noch die Reisephilosophie des verrückten Franzosen hinzu, stehen die Chancen vielleicht garnicht so schlecht.
Abseits ausgetretener Wege, in Orten die von keinerlei oder noch nicht touristischer Bedeutung sind, sind die Aussichten nicht schlecht „echte“ Begegnungen zu machen.
Aber das bedeutet auch, sich aus seiner Komfortzone zu begeben, vielleicht nicht mehr für öffentliche Verkehrsmittel zu zahlen, die einen von der einen interessanten Stadt in die nächste bringen. Sich auf die Straße zu stellen und per Autostop sich von dem mitnehmen zu lassen, der das auch wirklich tun möchte. So jedenfalls der Ansatz des Franzosen. Sprache stellt hier natürlich auch wieder einen vielleicht wichtigen Schlüssel dar. Der Franzose dennoch ist auch hier ein Beispiel, das zeigt, dass es nicht notwendig ist, die Landessprache zu beherrschen.
Und wenn man sich also so auf die Straße begibt…Was ist das Resultat? Fühlt man sich dann als abenteuerlicher Eroberer, ist man dann nicht irgendwo doch wieder das Marsmännchen-Gefühl? Eine Perspektive. Die andere könnte das Bild so zeichen, dass man sich an irgendeinem Ort in der Welt mehreren Menschen eine Begegnungsmöglichkeit schafft, die eine Begebenheit ist und mehr vielleicht auch nicht.

Israel ist nun das Land welches ermöglicht hier eine weitere Perspektive anzubringen. In Kontakt mit der arabischen Bevölkerung erinnert man sich zwar an die typisch ägyptische Geschäftstüchtigkeit jemandem was unterzujubeln – sonst in Israel unterwegs sucht man dies jedoch vergebens.
Allein das Preisgefüge verändert meinen Handlungsraum. Ich überlege mir jetzt dreimal ob ich den Shake für drei Euro kaufen will oder ein Taxi nehme, welches europäische Preise verlangt.
Irgendwie bewirkt dies, dass ich mich auch mehr wie ein „Local“ verhalte. So meine Interpretation. Das Touristenstigma setzt erst dann ein, wenn man auch an touristischen Orten ist.
Auch ist es einfacher mit Menschen zu sprechen, da beträchtlich größere Anzahl mittel bis super gut Englisch spricht. Ist dann nun der authentische Zugang gewährleistet?
So ein Konzept wie Couchsurfing funktioniert auch hier anders, als noch in Ägypten oder Jordanien, wo Couchsurfer oft auch in der Tourismus Branche tätig sind. Hier trifft man nun Menschen, deren Lebenswirklichkeit vielleicht garnicht mal so anders ist, als die unsere. Und doch: man trifft Menschen, die in dem Land leben, das man bereist, ganz ohne kommerzielle Motivation.

Nochmal. Ich bin unwissend. Menschen werden zu Touristen aus ganz verschiedenen Gründen, für ganz unterschiedliche Zeitspannen. Manchmal wirkt es so, dass eine gewisse Tourismusform im Endeffekt nicht positiv für die Situation des Gastgeberlandes ist. Aber vielleicht ist es auch überheblich dies zu beurteilen. Dennoch kommt das Gefühl von Verärgerung und Unverständniss auf, wenn zwanzig Menschen ihre Kameras zücken um drei Soldaten plus die Leute, die mit ihnen posen, in der Jerusalemer Altstadt zu fotografieren oder wenn Europäer ihre entblössten Prachtkörper in einem muslimischen Land durch die Gegend tragen.

Eine Idee bekommen

Für mich war das Ziel der Reise im wesentlichen herauszufinden, was reisen ist und eine Antwort habe ich noch nicht wirklich gefunden. Das Ding ist, die Allgemeinplätze die ich oft irgendwie suche, also „typische Reisemuster“, gibt es einfach nicht. Es gibt Menschen die trampen durch ein Land und zelten irgendwo verdeckt, aber wenn ihnen dann danach ist bezahlen sie halt auch mal für ein teures Hostel. Die Erkentniss ist so einfach wie einleuchtend. Man sollte einfach das machen woran man Spaß hat und womit man Freude hat…und manchmal ist das schon allein ein langer Weg, dies für sich rauszufinden..

Das nun mal als Stand der Dinge, der sich gewiss noch mehr ausformen wird…das Spiel geht also in unbestimmte Verlängerung…

In diesem Sinne…oder auch nicht 🙂

Advertisements

Eine Antwort zu “Gedanken zum Reisen

  1. Das ist ein spannender Artikel. Ich finde es besonders interessant, dass du deine Gedankengänge freilegst und noch kein Urteil oder abschließende Meinung teilst, sondern eher den Prozess zeigst. Ich habe noch einen Artikel gefunden, der am Rande deine Frage streift bzw. das Bedürfnis sich vom gemeinen Touristen abgrenzen zu wollen:
    http://www.economag.de/pdf/390_economag_Steinecke_Feb2011.pdf

Dein Kommentar?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s