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Terrorist oder Tourist?!

Sehr geehrte Reisegesellschaft,
im folgenden beschäftigen wir uns mit interessanten Phänomenen, welche sich beim Besuch antiker Stätten offenbaren.(Atempause).
Antike Stätten sind zumeist Orte mit einer gewissen Anziehungskraft. Menschen aus allen Winkeln der Erde besuchen diese, wenn sie denn anziehend genug sind. Wenn viele Menschen kommen, bedeutet dies, dass sie viel Geld und auch von ihrer Art viele mitbringen. Auch gilt hier, wie wir ja schon in einem vorigen Beitrag entdecken konnten: Weiß ist gleich Tourist, Tourist ist gleich Geld. Dieser Gleichung kommt in einem Land wie Ägypten natürlich eine immense Bedeutung zu. Denn von diesem Geld gibt es zu wenig, für zu viele Menschen. Das Ergebnis ist zwar von Ort zu Ort bedingt variabel, doch gewisse Dinge wiederholen sich und prägen somit stark das Erlebnis „Besuch antiker Stätten“.

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Ägypten weist eine beträchtliche Anzahl dieser sogenannten antiken Stätten auf. Wir haben uns im Sightseeing-Programm auf den Karnak Tempel und das Tal der Könige in Luxor und die Pyramiden und Sphinx von Gizeh/ Kairo beschränkt.

Beginnen wir mit Luxor. Diese Stadt ist, Gott sei’s gedankt, ziemlich gesegnet mit antiken Stätten: der Karnak Tempel, das Tal der Könige, der Hatschesput Tempel, das Tal der Königinnen und wer weiss was noch. Wir bleiben aber wie gesagt bei den zweien. Der Eintritt zum Tal der Könige ist mit 11€ recht moderat. Drei Gräber darf man damit besichtigen, weitere Gräber kosten extra und so wird es schon zur kleinen Herausforderung mittels Reiseführer herauszufinden, welche Gräber denn am sehenswertesten sind. Ein Guide würde sich natürlich anbieten um etwas zu den teilweise sehr gut erhaltenen Grabmalereien zu erfahren…haben wir aber drauf verzichtet. Das weltberühmte Grab des Tutanchamun kostet nochmal 10€ extra, obwohl man im Reiseführer und auch von Guides hören kann, dass sich dies absolut nicht lohnt. Wer also zwanghaft drin gewesen sein will, haut locker zwei Nächte Unterkunft auf den Kopf.

Aint no Business like Selling-Alabaster-Business
Natürlich wird das Gelände nicht nur von den Grabzugängen geprägt. Überall sind eine Menge regionaler Kleinunternehmer unterwegs, von 5 bis 70 Jahren, männlich natürlich. Postkarten, Alabasterstatuen, Schmuck, sowie alles mögliche. Manche von ihnen haben sich ein zweites Standbein errichtet und sind auf Hochgebirgstrekking spezialisiert. Sie kennen nämlich den Weg zu einer Erhöhung von der man auf den Hatschesputtempel schauen könne. Will man natürlich Geld für haben. Alleine gehen darf man nicht. Ist gefährlich. Manchesmal hab ich mich schon gewundert für wie blöd die Menschen einen halten, dass sie einem davon abraten oder darauf hinweisen es wäre verboten hier und da hochzuklettern oder rumzuwandern oder die Strecke selbst wäre viel zu lang um sie lebendig zu bewältigen.

Wenn man dann natürlich die lieben Touristen sieht, manche von ihnen vereinigt in ihrer aufgeklärten, weltoffenen Ignoranz gegenüber regionalen kulturellen Normen, in Hotpants, kurzen Hosen, Riesenausschnitten und Absatzschuhen. Ja dann, geht man bisweilen lieber davon aus, das keiner alleine auf einen Hügel steigen oder einen von elf kilometern unterscheiden kann. Vielleicht steht das ganze auch in keinem Zusammenhang, aber so wurde euch nun die zweite Darstellergruppe des „Antike-Stätten“-Theaters vorstellig. Natürlich leicht gefärbt durch meine Wahrnehmung.. Aber so hat man eigentlich auch schon exemplarisch das übergreifende Prinzip der Antike-Stätten-Theatershow umrissen.

Im Detail
Schauen wir nochmal detaillierter hin und kommen wir zu einigen Besonderheiten, die jede Theaterstätte für den Besucher so bereithält. Im Tal der Könige ist, wie schon erwähnt, als besonderes Highlight die Gipfelbesteigung von 30m oder so zu nennen. Sie steht jedoch nicht auf verlorenem Posten. Dicht gefolgt wird sie von der Bimmelbahn die für circa 50cent sensationelle 500m (ca.) zurückgelegt. Eine gute Sache für jene Menschen die nicht so viel Strecke zu Fuß zurücklegen können oder wollen. Jedoch war das Bähnchen absurderweise stets so voll, soviele Formen von Fußmüdigkeit gibts garnicht. Tourigaudi?!.

Im Karnaktempel fanden sich Polizisten, die einen auf ein halbgesperrtes Gebiet führten und dann zum Ansichtsphoto aufforderten. Das kurzfristige Verlassen des eigentlichen Arbeitsplatzes erfordert natürlich ein Bakshish, ein Entgeld für seine besondere Leistung. Dachte er jedenfalls. Bemerkenswert war hier auch die Sprachgewandtheit der lokalen Guides: Japanisch, Spanisch, Englisch. Wo das Geld halt herkommt. Der Karnak Tempel selbst war natürlich ziemlich beeindruckend. Selbstkritisch muss ich natürlich auch erwähnen, dass wir diesen beiden Plätzen in Luxor wenig Zeit einräumten, innerhalb eines halben Tages haben wir beide Stätten durchlaufen.

Die Pyramiden in Gizeh setzten in gewisser Hinsicht dem Sightseeing die Krone auf. Nicht aufgrund der Pyramidenspitzen und dass sie dort besonders gut säße. Nein. Mir schien als dass sich hier die Kreativität und Masse der Kleinunternehmer bündeln und in einer fulminanten Explosion von Daueranquatschen entladen würde. Dafür mussten wir noch nichtmal das Gelände betreten. Es fing schon vorher an. Niemand wollte eine brauchbare Info herausgeben wie man zum Ticket Office käme. Nein, stattdessen sei der Eingang total weit weg und wir können doch den Old Egyptian Way nehmen, der wär kürzer. Besteht natürlich daraus sich auf ein geschundenes Pferd zu setzen. Auf dem Weg zum Office dann erzählt man, dass es dort nur für Busse hinginge. Aber wir können ja ein Pferd nehmen. Auf dem Gelände geht es dann weiter, man wolle unsere Eintrittskarte sehen, man arbeite mit der Regierung zusammen und würde uns zu einem Museum führen, dass wäre in der Eintrittskarte drin.. bla bla. Anders als in Luxor wollen nicht nur Postkarten- und Andenkenverkäufer ihr tägliches Brot verdienen, sondern auch die Kamel und Pferdereiter. Jede zweite Minute wird man so von ihnen angesprochen. Um das ganze Panorama der Pyramiden aufsaugen zu können, geht das nur per Pferd. Dann geht man ein bisschen in die Wüste. Schafft man aber auch, wenn man will, per Pedes.

Fazit:
Um es also kurz zu machen: ziemlich schnell und ziemlich radikal erlebt man hier was Massenterrorismus bedeutet. Die Ägypter sind von ihm abhängig oder wurden von ihm abhängig gemacht und erfahren eine stetige Ignoranz der Touristen gegenüber ihrer Kultur. Sie müssen irgendeinen Scheiss andrehen und den ganzen Tag die gleiche Leier halten. Mal werden sie ignoriert, mal freundlich abgewiesen, mal passiert was weiss ich was..
Es ist schwierig… Die Sightseeing-Terroristen bringen Geld ins Land, was selbstredend nur an bestimmten Stellen landet. Dies orientiert sich natürlich an dem Bedürfnis welches die Urlauber in dieses Land gebracht hat und wie sie dieses zu stillen gedenken. Also landet vermutlich wenig bei jenen Menschen die sich gezwungen sehen u.a. am Antike-Stätten-Theater teilzunehmen. Da also der Tourismus Geld dorthin bringt, wo sonst keines zu finden ist, angeln alle um die letzten Krumen dieses großen Kuchens. Und um an diese lächerlichen Krumen zu kommen, bewegen sie sich stetig in einer Umgebung die ihre kulturelle Identität unverholen ignoriert und verachtet. Das mag vielleicht erstmal überzheichnet wirken, aber wie wäre wohl die deutsche Befindlichkeit, wenn die Touris in Deutschland nur aus Frauen bestünden die Burka tragen und deren Ehemänner die Galabiya tragen?!

Zu den Stätten selbst: Die Anlagen selbst sind angesichts ihres Ruhmes irgendwie klein, abgesehen vom Luxor-Tempel und ohne Guide streckenweise recht unzugänglich, da wenig beschildert bzw. ungenügend. Will man das Erlebnis vertiefen, muss man auch tiefer in die Tasche greifen, zusätzliche Gräber oder der Zugang in die Pyramide wollen bezahlt werden. Es ist einerseits wirklich ganz nett mal an den Stätten gewesen zu sein, andererseits wäre es schon cool wenn man diese Orte anders erfahren könnte. Einmal drumherumlaufen und staunen ist irgendwie rückblickend ein bisschen zu wenig..
Aber vielleicht hätte man auch selbst mehr draus machen können.

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2 Antworten zu “Terrorist oder Tourist?!

  1. Die Hypothese in deinem Fazit könntest du in einer Arbeit zum kultursensiblen Tourismus mal einer (quantitativen) Überprüfung unterwerfen. Wär echt spannend :)))
    PS: ich sehe ein, dass mein Reisebericht etwas kurz gefasst war 😀

    • Hab das Fazit nochmal überarbeitet. Danke, aber ich glaube es bleibt erstmal bei dieser Abhandlung, bzw. ich komme nochmal im Ägypten-Abschlussbericht drauf zurück.. Komplizierte Sache

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