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Ab in die Oase!

So liebe Reisegesellschaft,
nehmen sie bitte ihre zugewiesenen Plätze ein. Es geht weiter. Und zwar nach Kairo:
Die Fahrt bot ein mittlerweile gewohntes Bild: Wüste, Militäranlagen und Müll. Irgendwann jedoch näherten wir uns so langsam den Ausläufer dieser Riesenstadt. Manche Menschen sagen es sind um die 20 oder gar 30 Millionen Einwohner, die Kairo beherbergt. Aber wer weiß schon bis in welche Ortschaften sich eine solche Zählung erstreckt. Belassen wir es also bei echt groß..
Für eine Zeitlang wird der Blick auf die Pyramiden von Gizeh frei. Immer tiefer in das Gewirr der Stadt eindringend drängte sich mir eine Erkentniss auf: Kairo ist keine Schönheit. Am ästhetischsten fand ich wohl die paar Grünflächen, die circa Fußballfeldgroß von
dreckigen Hochhäusern umringt wurden. Ihre Farbe drang so krass hervor. In Kairo drin, immer noch: keine Schönheit. Aber vielleicht eine gewisse Ästhetik des Hässlichen. Es gibt durchaus schöne alte Bauten, Jugendstil oder sowas, die jedoch nicht instand gehalten werden und so langsam aber sicher verfallen. Dann natürlich der Verkehr. Dachte ich noch im kleinen Fayum, dass dort Kamikazeautofahrer ausgebildet werden, so wurde klar, dass dies gerade mal die Vorstufe war. In Kairo macht man seinen Meister. Es wird jeder verfügbare Raum ausgenutzt um zu Fahren, man quetscht sich bei jeder Gelegenheit vor den nächsten. Im Endeffekt bringt es nichts, aber ob es darum auch überhaupt geht? An Kreuzungen gibt es zwar Ampeln oder Polizisten die den Fluss regeln wollen, aber oft werden rote Ampeln auch einfach überfahren, wenn der Weg frei ist. Stop and Go ist hier auch der richtige Begriff. Gemütliche Fahrer trifft man wirklich selten, die meisten heizen richtig, müssen entsprechend oft abbremsen und machen natürlich mit einem ständigen Hupen auf sich aufmerksam. Was in der Summe natürlich nicht mehr zuzuordnen ist. Zum Gesellen schafft man es schon als Fußgänger nach erfolgreichem Überqueren der vierspurigen Straßen.
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Lange wollten wir dieses mal aber eh nicht in Kairo verweilen. Es galt lediglich Judith abzuholen und am nächsten Morgen ab in die Wüste. Das Wiedersehen war, wie man sich denken kann, lange herbeigesehnt und erfreulich. Der Anfang einer schönen, gemeinsamen Reisezeit.

Am nächsten morgen stiefelten wir also direkt zur pompösen Busstation Turgoman. Unsere Endstation: Bahariya Oase. Dies ist der erste Ort entlang der einzigen Straße durch die westlichen Wüste welche in Assiut wieder am Nil endet.

Eine Busfahrt die ist lustig, eine Busfahrt die ist…
War ich bis zu diesem Zeitpunkt ja ein Fan des Busfahrens geworden, so verlor ich während dieser Fahrt viel von meinem Enthusiasmus. Der Bus fuhr vielleicht fünf Stunden, aber dieses mal hat es echt keinen Spass gemacht. Weiß auch nicht wieso. Mir schien, dass wir alle, besonders wohl Judith (schließlich ist sie an einem Tag vom Zug in den Flug, vom Flug ins Mörderkarachotaxi ins Bett und am morgen ja schon wieder in den Bus gestiefelt) durchaus gerädert waren. In diesem Zustand kamen wir also im größten Ort der Bahariya Oasis, Bawiti, an. Übrigens: bevor 1975 die Apshaltstrecke nach Bawiti gebaut wurde hat man eine ganze Woche für die Strecke Kairo-Bawiti gebraucht.
So: Was, liebe Reisegesellschaft stellt ihr euch denn unter einer Oase vor? Tja, die Meinungen gehen hier bestimmt etwas auseinander, in einem wird man sich aber ganz bestimmt einig sein: in Bawiti fand man dies nicht im Ansatz wieder. Es sah nicht groß anders als in den Vororten von Fayum aus. Das Schlimmste war jedoch im wesentlichen die Ankunft. Kaum aus dem Bus gestiegen wurden wir vehement be- an- und voll-gelabert: Trips, Hotel, Bedouin Camp, bla bla bla, Trips, Hotel, Egyptian Price, bla. Ein ganz cleverer wollte fragen wo wir nächtigen, die Touristen-Polizei müsste das wissen, er würde es denen sagen. Natürlich bot er uns auch Zimmer bei seinem Vater an, welcher sich mir bereits ausführlich angeboten hatte. Er erzählte was sein Camp alles bietet und gab mir einen Flyer, ich steckte ihn ein.. Schließlich wollten wir ja auch eine Tour in die Wüste machen.
Wenn Saison ist, was gerade im Moment nicht zu sein scheint dann soll Bawiti voll der wüsten Touristen sein. Verständlich natürlich, dass man sich um die magere Beute schart und je mehr sie sich wehrt, desto intensiver wird versucht sie zu reissen.

Mohammed und Mohammed
Durchaus genervt gehen wir dann erstmal was essen und versuchen den Couchsurfer Mohammed kontaktieren. In der Oase gibt es tatsächlich zwei Couchsurfer, welche wir kontaktierten und einer hat uns dann auch zugesagt. Der junge Typ mit dem Polizisten-Trick lässt nicht locker und will wieder wissen, wo denn unser Freund bleibt, damit er es der Polizei sagen könnte, bietet auch wieder ein Zimmer an und wir werden ihn irgendwie nicht los. Ich versuche es daraufhin mit einer pädagogischen Ansprache und erläutere ihm, dass er seine Zeit verschwende, da wir alleine zurecht kommen, seine Fürsorge aber
sehr schätzen. Kurz darauf kommt der Vater, trägt nochmal die ganze Litanei vor, die er Judith und mir schon vor 20 Minuten vortrug. Als dann auch er verstand, dass kein aktuelles Interesse besteht mitzukommen wollte er natürlich seinen Flyer wiederhaben. Verständlich, aber auch lustig.

Bald steht dann ein Mohammed vor uns und gibt uns ein Telefon, an dem auch ein Mohammed ist. Der Mohammed im Telefon ist unser Couchsurfer, da er keine Zeit hat, hat er seinen Freund, Mohammed, gebeten uns abzuholen. Zum richtigen Zeitpunkt verlassen wir nun etwas gestärkt und hoffnungsvoll Bawiti. Mohammed fährt uns in ein kleineres, Bawiti vorgelagertes Dorf und dann endlich nähern wir uns dann doch ein gutes Stück dem, wie wir uns so eine Oase vorgestellt haben.

Mit einem fetten Grinsen werden wir von Mohammed begrüßt und hereingebeten. Dieses Grinsen, sein absolut freundlicher, lieber Gesichtsausdruck scheint ihm dynamisch ins Gesicht gemeisselt zu sein. Er schaut einfach immer fröhlich aus. Er lebt in seinem Elternhaus, welches er sich mit seinem Bruder teilt. Mohammed ist verheiratet und Vater, aber Mutter und Kind sind nicht da, da sich der Schwiegervater nach Mekka aufmachte und seine
Wiedersehensparty vorbereitet wird. Wir kommen in einem Zimmer unter, das liebevoll kitschig dekoriert ist. Aber erstmal geht es zum Teetrinken raus auf die Veranda und der Garten ist voll mit: Dattelpalmen. Lecker!

Mohammed spricht ziemlich gut englisch. Woher er das gelernt hat? Celine Dion. Celine Dion? Ja, er hat ihre Songtexte übersetzt.
Wenn er Englisch lernen wolle, so sagte jemand zu ihm, hör Celine Dion. Scheint aufjedenfall zu funktionieren.

Ausblicke
In die Dämmerung hinein begeben wir uns mit ihm auf einen Spaziergang durch die Palmenhaine. Das ganze Gebiet ist von Palmen gesäumt und so werden diese, wie natürlich alles andere an fruchtbarem Land bewirtschaftet. Immer noch ist die Landwirtschaft hier mit der wichtigste wirtschaftliche Faktor. Die Kinder gehen hier bis 12 Uhr in die Schule um am Nachmittag dann auf dem Feld helfen zu können.
Die umliegende Wüstenlandschaft wird von hie und da verteilten Bergen oder Bergkettenn eingerahmt. Schön und still. Der Spaziergang endet bei Freunden von Mohammed. Männerrunde plus 2x Judith. Wir werden zum Tee, sehr, sehr süßem Tee eingeladen und sitzen so mit rund 5 von Mohammeds Freunden in den Grundmauern eines entstehenden Hauses. Pascals und Judiths Arabischkentnisse überbrücken natürlich die Sprachbarriere, da Mohammed als beinahe einziger ziemlich gut Englisch spricht. Mohammed agiert aber auch sehr engagiert als Übersetzer und es ergeben sich erste, unverfälschte Einblicke in die Lebensrealität der kleinen Teerunde. So sind wir grade mal ein paar Stunden in dieser kleinen Oase und haben schon ganz schön viel erfahren und wurden zur morgen anstehenden Beduinenparty eingeladen. Weiters hat Mohammed sich überlegt mit uns und seinen Freunden eine Motoradtour zu machen und obendrauf könnte er uns jemanden für eine Wüstentour empfehlen. Mohammed regelt alles. Froh um unsere Situation schliefen wir dann in, für mich zu kurzen, Betten ein.

Bei Mohammed erlebten wir eine Gastfreundschaft, die mich wirklich berührte. Abends kochte Mohammed für uns und morgens nahm er sich bei der Schule, er arbeitet als Lehrer, eine Stunde frei um für uns Frühstück zu machen. Er lebt von einem monatlichen Gehalt von 1000 Pfund – 125€.

Gegen Mittag starteten wir dann unsere Motoradtour. Früher war man hier ja eher per Esel unterwegs, aber seitdem ein Motorad asiatischer Fabrikation hier vielleicht 200€ mehr als ein Esel kostet, entscheidet man sich dann doch eher für das Motorad. Zu zehnt düsten wir durch die Oasenlandschaft, hielten Lunch in einer aus Palmenmaterial errichteten Hütte und tranken was natürlich? Zuckertee mit Minze. Für mich wurde hier ein arabischer Name gefunden. Ausgesprochen „Shau-Wie“, denn ich würde an gleichnamigen ägyptischen Schauspieler erinnern und hätte so oder so auch Ähnlichkeit mit einem Bedouinen von hier. Ausgeprägte Phantasie, die Jungs. Die Fahrt durch die wüste Landschaft belastete ordentlich das Popöchen bei dem steten auf und ab, aber egal, es war ziemlich cool. Wir verpassten knapp den Sonnenuntergang an einem nahegelegenen See und machten uns im dunkeln auf die Heimfahrt. Doch damit ja nicht genug.. Unser Abendprogramm sah noch einiges vor. Erste Station: Erstmal wieder Tee trinken in mittlerweile gewohnter Atmosphäre. Sogleich wurden wir noch zum Abendessen bei einem von Mohammeds Freunden eingeladen und dann ging es ja noch auf die Bedouinen-Party.

Einblicke oder: ein fremdes Gesicht bringt Glück ins Haus

Das Abendessen gestaltete sich als erkentnissreicher Einblick in das familiäre Leben . Judith und Judith sind als erste angekommen, daher saßen sie mit dem Vater und der Mutter unseres Gastgebers und einer Schwester im eigentlichen Gästezimmer. Pascal und Ich kamen etwas später an, doch als wir den Raum betraten, verschwanden die Mädels sofort. Nungut, also wieder Männerrunde plus 2x Judith. Anwesend: der Vater, sein Sohn der Gastgeber, Mohammed und wir. Während wir da so saßen und sprachen, sagte der Vater interessante Dinge: Wie das Wasser in Deutschland schmecke, Hitler war super und auch wies er auf seine tollen großen Ländereien hin, die wir bei unserer Motoradfahrt gesehen haben werden.
Die Sache mit Hitler wurde versucht nach aktueller Aktenlage darzustellen. Naja Jedenfalls freute es ihn, dass viele Muslime in Deutschland leben.. Das Gästezimmer bestand aus Sitzkissen, einem Sitz-Tisch und uns. Ein Höhepunkt war wohl, dass die jungen Schwestern sehr neugierig waren und gerne mit Judith und Judith reden wollten. Etwas worauf ich schon etwas neidisch bin. Die Mädchen waren nach Beschreibung schüchtern und haben mit Stolz ihre Küche präsentiert..Im Reiseführer steht eine Art Sprichwort, dass eine muslimische Frau nur zweimal das Haus verlässt. Zur Hochzeit und zu ihrer Beerdigung. Eine Situation die vermutlich nicht wortwörtlich zu nehmen ist, aber schon auf die Unterschiede der Lebensmittelpunkte in Stadt und Land hinweist.
Anders als bei Mohammed war es hier weniger kitschig und voll, eher war das was ich vom Haus sah ziemlich spartanisch gestaltet. Dieser Einblick in das Prinzip wie Menschen wohnen, wie Familie, wie Gastfreundschaft funktioniert sticht wirklich aus den Ägypten Erfahrungen heraus – denn es gehört zu den Dingen, die man nicht kaufen kann.

Nachtprogramm
Nach Familienleben stand nun ja noch Partyleben auf dem Plan. Die Bedouinen-Party bestand aus vielen Männern unterschiedlichen Alters die herumsaßen, Tee tranken und der Band lauschten, die aus einem Sänger aus der bekannten Teerunde, einem Flötisten und Trommlern bestand.Leider war das ganze ziemlich krass verstärkt und verzerrt worden. Wir waren natürlich das absolute Highlight für das sogar extra ein Teppich zum sitzen geräumt wurde. Unangenehme Seite der Gastfreundschaft. Irgendwann löste sich die Situation und einige begannen zu tanzen und nicht wenig später wurden Pascal und ich zum tanzen aufgefordert. Na toll. Auch an Judith und Judith wandten sie sich, diese haben aber, glücklicherweise, vehement abgelehnt. Für mich hat das einen ungewissen, unangenehmen Charakter wenn die zwei aufgefordert werden an einem Tanz teilzunehmen an dem die örtlichen Frauen nicht teilnehmen, sich ja nicht einmal in der Nähe befinden. In Kairo übrigens waren wir in einer Art Bar/Lounge wo Männer und Frauen zusammen tanzten. Auch hier wurden wir eingeladen zu tanzen, aber es war auch irgendwie unangenehm, da wir die einzigen Touris waren und daher natürlich wieder Aufmerksamkeit erregten

Zurück zur Bedu-Party: Was folgte war irritierend und eher schon unangenehm für mich. Es war nicht einfach nur tanzen, sondern ich habe die gesamten Bewegungsabläufe als ziemlich sexualisiert erlebt. Ich hatte stets einen Tanzpartner und einer war ziemlich aggressiv oder sagen wir offensiv. Würde man so mit einer Frau tanzen, so würde ich es ziemlich eindeutig als Anmache auf Gürtellinie sehen und so ist es umso irritierender, dies mit einem Mann zu praktizieren. Angesichts der unleugbaren starken Geschlechterstereotypen verwunderte mich dies ja noch umso mehr. Vermutlich liegt aber auch genau hier der Grund. Die Unterdrückung eben solcher Tendenzen in der normalen Begegnung von Mann und Frau sorgt vielleicht dafür, dass solche Situationen dann als Ventil genutzt werden können. Total üblich ist es ja auch dass man Mann und Mann miteinander eingehakt rumlaufen sieht. Was in Deutschland, einer sich der Individualisierung rühmenden Gesellschaft, definitiv für Assoziationen von Homosexualität oder Unmännlichkeit sorgt, ist in diesem muslimischen Land total normal. Ebenso auch das Tanzen.

Nach dem anstrengenden Tänzchen geht es dann auch irgendwann für uns wieder ins Bettchen, es ist spät und morgen um 10 werden wir mit Ahmed unsere Tour in die Weisse Wüste starten. Auch am nächsten Tag nimmt Mohammed sich selbstredend Zeit für ein letztes Frühstück. Der Abschied ist irgendwie komisch, für ihn ist es vermutlich eine Selbstverständlichkeit uns so zu bewirten wie er es tat. Für mich war es bewegend diese Selbstlosigkeit zu erleben und ziemlich eindrucksvoll so in das wirkliche Leben in diesem Oasendorf eintauchen zu können.Zweifellos wäre ein längerer Aufenthalt keine verschwendete Zeit. In Erinnerung bleibt mir besonders Mohameds Handyklingelton: bei jedem Anruf erklang herzerweichend Ronan Keating „I belieeeeeeve in youu“..


Eindeutiges Fazit:

Platz 1 in Sachen authentischste Ägypten Erfahrung

29/11 – 1/12/11

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Eine Antwort zu “Ab in die Oase!

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