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Fayum, Fayum

…schreit er. Immer wieder.. Fayum, Fayum.
Ausgespuckt am Busbahnhof von Beni Suef stehen wir und orientieren uns. Einen Bus und 45 Kilometer noch und wir haben unser Ziel erreicht. Mindestens drei Stunden Fahrt sitzen uns schon im Rücken, Hintern und Nacken.
Fayum, Fayum…Wir besteigen den Bus und er schreit weiter und weiter. Die vollen Busse fahren los und es rücken leere nach und füllen sich langsam.

Die Bildergalerie findet ihr: hier

Für uns ging es zuvor wie gehabt durch die Wüste. Trostloser Ausblick, gänzlich. Die einzigen Besiedlungspunkte stellen Militärposten dar. Mal größer, mal kleiner. Mal ein Düsenjet als Trophäe auf Beton postiert, mal einfach nur die üblichen zerfetzten Reifen. Dann irgendwann: Zivilisation. Staubige Straßen, Müll und Menschen bei jeder noch so geringen Ansammlung von Häusern. Kontrastreich gehen von Bauleichen gefüllte Felder, also zur Hälfte oder noch weniger gebaute Grundfesten eines Hauses oder Zaunes, hinüber zu bewirtschafteten Feldern. Ihr Grün sticht unglaublich stark hervor im Kontrast zur üblichen Mischung aus Sand, Dreck und Asphalt.

Die Straße nach Fayum ist wieder gesäumt von kleinen Ortschaften, die sich mit Feldern links und rechts der Straße abwechseln. Irgendwann dann landen wir am Busbahnhof. Erstes Ziel ist es ein Hotel zu finden, sich mit Hilfe der Karte und Herumfragen zu orientieren. Wir schlüpfen durch das, wie ein Trainingslager für Autoselbstmordattentätter wirkende Verkehrsgeschehen und ein Gefühl werde ich nicht los… Wir werden beobachtet. Hab ich die Hose falsch rum an, das Hemd auf links oder liegt es am großen Rucksack, oder vielleicht, aber nur vielleicht daran dass wir weiss sind..? oder beides, alles? Wir werden gefragt ob wir einen Berg besteigen wollen. Erstmal nicht. Hier werden eher Tüten als Rucksäcke getragen. Gewicht eher auf dem Kopf als auf den Schultern. Wir sind definitiv die Nachmittagssensation in diesem kleinen, trubeligen Städtchen. Aus allen Richtungen kommt von Zeit zu Zeit das kindliche Gekicher junger und älterer Mädchen, das halbstarke „Howarju“ aus Gruppen von Jungs, das „WelkomtuIhdschipt“ aus jedem, gefühlt zehnten, Wagen und natürlich dann die Blicke von fast allen.

Station 1. Erstes Hotel: zu teuer, aber es gibt noch ein anderes. Judith und Pascal machen sich auf die Suche und dann sitze ich da. Drei Rucksäcke, eine Parkbank und jede Menge Leute die mich im Vorbeigehen mal offen, mal etwas verdeckt betrachten. Direkt gegenüber parken zwei Männer oder sagen wir eher Jungs in einem Auto, ein kleines Kind auf dem Schoß. Ich werde betrachtet, schaue zurück, schaue weg, werde betrachtet. Dann steht mir bald jemand gegenüber. Er stellt sich vor. Fragt was ich mache, sagt was er macht: „I’m a Socialist“. Das fängt ja gut an.
Das Gedankenkarussel begann sich zu drehen: Es ist Wahlkampfzeit und wir waren etwas unsicher ob wir überhaupt nach Fayum rein kommen, da dies angeblich oder tatsächlich als stark islamistisch-fundamentalistisches Zentrum gilt. Vielleicht aber auch nur dahingehend, dass es hier sehr viele Menschen gibt, die das mit der Religion sehr ernst nehmen. Naja und dann steh ich hier vor einem Linken…Erstmal aber das übliche Blabla: WelkomtuIhdschipt; wie lange schon in Ägypten unterwegs, zum ersten Mal hier, bla bla. Irgendwann sammeln sich dann interessierte Kinder, deren Fragen er übersetzt. Irgendwann gehen sie wieder. Dann kommen die Jungs mit dem Kind im Auto. Stellen sich dazu. Nichts passiert. Sie sprechen mit dem Sozialisten. Keine aufregenden Fragen. Es kommen wieder Kinder und fragen ob meine Freunde aus Tunesien kommen. Bis jetzt noch gegenüber jeder Frage stets der Wahrheit verpflichtet antworte ich natürlich mit einem verwunderten Nein. Als es nix interessantes mehr gibt, gehen alle, bis auf den Sozialisten. Nun will ich aber doch wissen was er denn so treibt: Er arbeite in Schulen mit Kindern. Okay.Gut, dass wir drüber gesprochen haben. Die Gefahr ist gebannt mit oppositionellen Kräften in einer islamischen Hochburg in Verbindung gebracht zu werden. Irgendwann werde ich mir selbst überlassen und schau mir das muntere Treiben an. Irgendwann kommen meine beiden tunesischen Freunde wieder und wir gehen ins billigere Hotel, welches sie fanden. Und ja, sie haben den Kindern gesagt sie kommen aus Tunesien. Zunehmend bekam auch ich das Gefühl, dass es a) nicht schlimm ist die Wahrheit ein paar Veränderungen ausszusetzen und b) mehr Spaß macht, wenn man mit den stetig gleichen Fragen konfrontiert wird.

Wir machen es uns also im etwas ranzigen Hotel gemütlich und erkunden ein bisschen das Städtchen. Es ist der erste richtige Eindruck von Ägypten. Frei von Touristen. Ich fühle mich schließlich ganz und gar untouristisch, unterwegs mit zwei Tunesiern..
Ein unverfälschter Einblick in das Leben. Wie die Infrastruktur aussieht, wenn sie nicht auf Touristen ausgerichtet ist. Wie die Preisgestaltung ausfällt, wenn sie nicht auf Touristen ausgerichtet ist. Wie die Menschen sich verhalten, wenn sie sich nicht vom Tourismus abhängig gemacht haben (wurden). Natürlich sind wir keine Pioniere in Fayum gewesen, aber rückblickend finde ich herausstechend, dass der Kontakt zur Bevölkerung, das anquatschen immer reines Interesse war. Die Rufe „How are you“, “ Whatsyourname“ und „WelcometoEgypt“ kamen auch hier vor und sind wohl irgendwie einkonditiert. Müde begeben wir uns ins Bett, nichtsahnend ob der kommenden Ereignisse.

[dramatische Pause – kurz innehalten 😉 ]

Der nächste Morgen. Gegen Acht.
Die zwei Tunesier und ihr deutscher Kumpane schlafen tief, irgendwer schnarcht ein bisschen. Dann: Es klopft. Keine Reaktion. Stille. Weiterschlafen. Dann klingelt das Telefon. Unverständliche Worte ausser: Shurta = Polizei.
Sowas.
Dann steht wohl doch aufstehen auf dem Programm. Pascal geht runter. Es war ein Polizist da, hinterlassen hat er eine nicht-identifizierbare Telefonnummer. Nun gut. Fragen stehen im Raum: Müssen wir direkt ausreisen? haben wir was verbrochen? Wir lassen uns beim aufstehen Zeit und irgendwann sind sie dann wieder da. Wohin wir wollen, was wir vorhaben, wie lange wir bleiben. Es wird klar, es geht ihnen um unsere Sicherheit. Gestern mussten wir ja schon die enorme Feindseligkeit der Bewohner hier erleben und können froh sein, dass wir noch leben. Nun gut.

Wir haben alles erklärt, was wir jetzt so vorhatten und wann wir wieder fahren. Es schien okay. Dann machten wir uns auf zum frühstücken. Aus dem Hotel raus dann die eigentliche Überraschung. Die Polizei hat zu unserem persönlichen Schutz nicht nur einen Polizisten abgeordert sondern gleich einen ganzen Wagen mit insgesamt fünfen. Wir erklären dem netten Einsatzleiter, ein etwas untersetzter, älterer Mann mit einem freundlichen, halb zahnlosen Gesicht, dass wir frühstücken gehen. Kein Problem. Wir gehen dann so dahin und schnell stellen wir fest: Wir werden verfolgt. Polizeieskorte, na super. Nachdem wir unseren Frühstücksort erreicht haben und bestellt haben, eilt schleunigst der Herr Wachtmeister vorbei und fragt denn auch wie hoch der Preis sei und was denn so da drin ist. Peinlich. Wirklich. Niemand hat von Eskorte gesprochen oder sie gar gewünscht. Aber was willste machen. Da sitzen wir und frühstücken, trinken türkischen Kaffee und ich kriege das erste Mal live mit, dass jemand nach unserer Herkunft fragt und dann direkt antwortet, dass Deutschland ja super sei. Hitler hat schließlich so viele Juden vernichtet. Der blinde Israel-Hass kommt bestimmt schon in die Muttermilch.
Wir machen uns auf den Weg zurück und auch jetzt: Polizeieskorte. Wie schon geäußert. Es ist unangenehm. Fraglos fallen drei Touristen mehr auf, wenn hinter ihnen ein blauer Polizeiwagen in Schrittempo hinterherfährt und den ganzen Verkehr blockiert.

Unser nächstes Ziel. Der Qarun See. Der liegt rund 25km entfernt von Fayum und ist ziemlich, ziemlich groß. Die gegenüberliegende Seite ist sogar nur per 4×4 zu erreichen. Wir nehmen ein Taxi und somit den kürzeren „asphaltierten“ Weg. Die Polizei nimmt den ihren Wagen. Es geht wieder durch kleine Ortschaften, die immer so einen Knotenpunkt haben wo, sich das ganze Treiben bündelt. Hier sind besonders häufig Fachgeschäfte für Autozubehör aufzufinden. So ein Händler richtet sich in einer Art Garage bescheidenen Ausmaßes ein und hat dort in Regalen allerlei Zubehör, dem Raum vorgelagert vielleicht irgendeine größere Gerätschaft um irgendwas zu machen – Man sieht, ich nenne einen fachmännischen Blick mein eigen.
Farblich geht das ganze nahtlos vom braun der Straße in ein zunehmendes dunkelbraun und schwarz des Raumes über. Aber auch sitzen da Frauen an der Straße mit Gemüse. Männer an den Straßencafes mit Tee und Wasserpfeife. Naja und dann rennen halt alle hin und her. Motorisiert mit Auto, TukTuk, Motorad oder Esel oder per Pedes.

Angekommen am See die erste Erkentnis: ganz schön dreckiger See. Kakaosoße oder so. Ein ziemlich weitläufiges Restaurant liegt vor uns. Hier legen wir erstmal eine ausgedehnte Kaffeepause ein, die den Polizisten dann irgendwann zu lang wird. Sie warten außerhalb und wir überlegen schon ob sie uns nicht nacher ihren unerbetenen Schutz in Rechnung stellen wollen. Der Herr Oberwachtmeister kommt also irgendwann, so nach einer Stunde und fragt wie lang wir denn noch Gedenken hier zu bleiben. Er wird darauf hingewiesen, dass wir glauben ganz gut ohne Eskorte klar zu kommen. Nach etwas hin und her geht er dann. Wir bleiben noch und stellen dann irgendwann fest, das sie tatsächlich: weg sind. Große Freude und Erleichterung tritt auf. Frohen Mutes machen wir uns daher auf einen Spaziergang zum nahegelegenen Fünf-Sterne Hotel. Wir trudeln dort einfach so rein, unbemerkt und ungefragt. Laufen rum, machen Photos und gehen wieder. Ich fühlte mich beim ganzen etwas unwohl. Einfach so in ein Hotel reinlaufen… So wie wir rumlaufen hätte man in einem 5 Sterne Hotel in Deutschland und vermutlich auch anderswo uns bestimmt darauf hingewiesen zu zahlen oder eben zu gehen. Hier ist das Schubladensystem aber vermutlich anders organisiert. Weiß = Tourist. Tourist = Geld. Geld = Welcome to Egypt. Das Hotel selbst war ganz schön, dekadent, eingerichtet. Vermutlich gibts dafür sogar ne eigene Stilkategorie. (Post)Kolonialistisch oder so.

Wir machen uns auf den Rückweg und nehmen hierfür kein Taxi sondern die öffentlichen Verkehrsmittel. Hierdurch haben wir die Kosten so um das 5 bis 8 fache gegenüber dem Taxi reduzieren können. Öfters zeichnen sich die öffentlichen Verkehrsmittel durch etwas mehr experimentierfreude aus. So landete ich also auf einem Pickup Aufsatz (überdacht) zusammengepfercht mit rund 9 bis 10 Ägyptern plus ein bis zweien, die auf dem Tritt standen. Pascal und Judith hatten das Privileg vorne zu sitzen. Ich konnte mich nicht verständigen, aber es war einfach super.

Am folgenden Tag ging es für uns nach Kairo um Judith (klein) abzuholen. Und morgens dann das unfassbare wieder. Es klopfte. Seinen Missmut äußernd steht Pascal auf und macht sich daran sich anzuziehen. Ich musste ihnen dann aber doch beichten, dass ich derjenige war, der geklopft hat. Dem ersten kleinen Ärgerniss wich der Spaß. Vor unserer Abfahrt wollten noch dem örtlichen Markt einen Besuch abstatten. Das Geschäftesystem ist durchweg sehr interessant. Entlang des Kanals, der den Stadtkern durchzieht, haben Leute ihre Waren ausgebreitet. Meist auf eine Richtung spezialisiert. Die Marktgegend schien auch recht aufgeteilt zu funktionieren, am interessantesten war wohl der belebte Lebensmittelteil. Meterweise saßen Frauen, Kinder, Männer und boten zu großen Teilen das gleiche Gemüse an. Ein, zwei Metzgereien. Für mich eher mit Abscheu betrachetete Räume. Wirken dreckig, ein Stück Fleisch hängt irgendwo. Der Mann raucht Wasserpfeife und schaut Fernsehen. Dann aufeinmal, total sicher, düst ein Lieferpferd in die ohnehin sehr begrenzte Gasse. Obenauf ein Mann und Gemüse auf dem „Anhänger“.
Nach diesen ersten Eindrücken in das Marktprinzip ging es für uns zum Busbahnhof. Eine letzte bemerkenswerte Begegnung war der Taxifahrer, der uns zum Busbahnhof brachte. Reflexartig wollte ich mich anschnallen (und es passiert mir immer wieder) und ernte natürlich ein Lachen vom Taxifahrer. Weil die Fahrt doch nicht so weit war will er zuerst garkein Geld von uns haben. Er kriegt aber natürlich schon was.
Der Busbahnhof war kein besonderes Erlebnis. Abgesehen vom Toilettenbesuch der mancherorts entgolten werden will und auch hier hielt mir bei einer absolut versifften, zugeschissenen Toilette eine kleine, buckelige Frau die Hand entgegen. Der Preis des Weiß-seins.

Mein Fazit:
Fayum: Platz 2 in Sachen authentischste Ägypten Erfahrung
25 – 27/11/11

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