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Von Kopten, Straßen und Heiligen

Mittwoch, gegen Mittag. Die Rucksäcke sind gepackt und die Route ist klar. Entlang der Küste geht es Richtung Norden nach Ras Zafarana. Unser Reiseführer preist dies als trostlosen Ort an. Genau da wollen wir hin und uns eins der zwei nahegelegenen Klöster anschauen. Genauer gesagt, das älteste der Welt, oder zweitälteste – alt jedenfalls.
Wir nehmen den nächsten Bus. Das heisst den, der in zweieinhalb Stunden fährt. First Class sogar. Es gibt ein Futterpaket für jeden und Bord-Fernseher sei Dank einen Einblick in die arabische Filmwelt: Ein etwas untersetzter Mann schaut die ganze Zeit leicht bekleideten, schlanken Frauen, die von der Kamera vorrangig vom Gesäß an aufwärts gefilmt werden, nach und versucht zu ihnen irgendwie Kontakt aufzubauen und stolpert in manche Peinlichkeit. Den Plot hab ich so nicht ganz erfasst. Aber vermutlich handelte es sich um eine unglaublich realistische Komödie.

Übrigens: die Bildergalerie findet ihr hier

Ich mag Busfahren. Ziemlich schnell aber wird es dunkel und so bleibt die Interessante, größtenteils von Nichts außer Sand und Meer geprägte, Landschaft dem Beobachter verschlossen. Hierdurch werden natürlich die hie und da vorhandenen Gebäudeansammlungen hervorgehoben, welche lustig erleuchtet sind. Öfter mal sind es Kontrollposten, die oft daraus bestehen das drei, vier Soldaten in einer Ansammlung von Türmen, Barrikaden und kleinen Häuschen rumsitzen und die Fahrzeuge durchwinken. Irgendwann fahren wir auf eine größere Ansammlung von Lichtern und Geräuschen zu. Es wird heller. Tankstellen, LKW’s, neue Kontrollposten und ein Motel. Unser Motel: Das Sahara Inn.
Trostlos. Ja, könnte sein, aber auch surreal.
Mitten in der Wüste an einer Kreuzung, die durch die Wüste Richtung Kairo führt.
Wunderbar. Wir sind alle drei voller Vorfreude. Raus aus El Gouna, rein in eine andere Wirklichkeit.
Wir schultern unsere Rucksäcke und begeben uns auf das hell erleuchtete Motel zu, landen im Restaurantbereich und stellen die einzigen Gäste dar, einer enormen Zahl von Beschäftigten gegenüberstehend. Der Besitzer spricht Deutsch, seine Frau ist Deutschländerin und er zeigt sich im weiteren als hilfreich für unsere geplante Route. Wir werden zu einem Fläschchen Wein eingeladen und plaudern ein bisschen. Der gute Mann ist Kopte. Ihres Zeichens ja Christen stellen sie eine Minderheit in Ägypten dar, welche 10% der Bevölkerung ausmacht, jedoch rund 50% des Reichtums Ägyptens besitzt.
Auch er ist wohlhabend, einst Werftbesitzer, nun mit Wohnungen in Frankfurt, Kairo und El Gouna und Gesamtbesitzer des Motels, der Tankstelle und wer weiß was noch. So wissen wir nun um seinen Wohlstand und natürlich auch um die besonderen Leistungen der Kinder etc. pp.
Auf unser morgiges Ausflugsziel angesprochen, das Kloster, wirkt er zuerst überrascht ob unserer weniger religiösen Anliegen uns dort hinzubegeben, aber gut. Gerne ist er bereit uns dort hinzubringen, da er selbst in eigener Sache die Brüder dort besuchen wollte. Komfortabel kommen wir so die 40km durch die Wüste. Für mich ein Erlebnis: noch kurz vor dem Ort sammelt sich der Müll an den Straßenrändern (meine erste Konfrontation mit dem Müllumgang in Ägypten), bald schon dominiert dann ganz die Wüste das Bild, welches durch die rechts wie links liegenden Hügelzüge das Panorama abgrenzt. Geplatzte LKW- oder auch PKW Reifen zieren die Ränder der Piste, so wie sämtliche andere Gegenstände, die man halt so während der Fahrt verlieren kann.

Irgendwann dann wird die Sicht auf das Kloster frei. Ich hatte es mir anders vorgestellt. Kleiner, zugänglicher irgendwie. Wir fahren auf ein pompöses Tor zu, zwei Türme mit Kreuzen an den Spitzen machen klar, dass wir hier richtig sind. Hier gehts zur Christenheit. Eine großzügig gezogene Mauer umrahmt die eigentliche, alte Mauer des Klosteranwesens. In diesem weitläufigen Areal findet man unattraktive Toilettenhäuschen, eine Canteen und wer weiß was noch. Jedenfalls ist hier vieles im Bau, Bagger stehen rum, Menschen beschäftigen sich an irgendwelchen halb gebauten Häusschen und so weiter. Nach einem ersten Gespräch mit dem Mönch, den unser Gönner sprechen wollte, wird klar, dass unser Plan den gesamten Tag dem Kloster zu widmen und dort zu nächtigen – im Gästehaus oder auch im Zelt ad acta zu legen ist. Und wer war kann für sowas zu verantworten sein? : klarer Fall, so eine Order kommt natürlich von ganz oben. Der Papst hat untersagt Besuchern Obdach zu gewähren. Lediglich Notleidenden, die beispielsweise zu Fuß dort landen, wenn sie denn die wichtigste Prämisse erfüllen: Männlich. Zelten hätten wir im Abstand von einem Kilometer können oder Judith in die Wüste schicken…
Order von Oben. So ist das.

Neben uns hat sich noch eine andere Besuchergruppe eingefunden und so beginnt schon kurz nach unserer Ankunft eine Führung unter Bruder Ruwaiz Antoni. Alle Brüder heißen hier mit Nachnamen Antoni. Es geht durchs Klostergelände. Die Würde des Gemäuers kommt schon angemessen zur Geltung, denn alle haben schon ein paar Jahrhunderte hinter sich und so schlendern wir gemütlich durch kleine Gässchen der Wohnanlagen. Ziemlich schnell gings aber bei der theoretischen Einführung zur Sache: dem Glauben. Warum die Mönche sechs Kreuze auf ihrer Kappe tragen, warum diese in der Mitte einen Balken hat und wieso sie denn lange Bärte und schwarz tragen, die Einheit von Körper, Seele und Spiritualität und so weiter. Wir wurden durch die verschiedenen Stationen diverser Kapellen oder sonstiger sakraler Stationen geführt. Alles war voll von irgendwelchen Ikonen, heiligen Brüdern und so weiter. Generell war der Bruder nett, initiierte Fotoaktionen usw.
Interessant war die Situation, wenn die Mönche den angestellten Begegneten. Ganz klar wurde diese Unterordnung sichtbar. Die Gläubigen halten die Hand hin um sich sofort zu beugen und angedeutet oder wirklich die Hand des Priesters zu küssen.

Die religiöse Intensität des Klosterlebens war schon zu erwarten.. Nix neues und zuerst hatte ich auch das Gefühl, dass es sich hier um einen solchen Ort handelte indem die Mönche von ihrer Hände Arbeit und eben ihrer religiösen Hingabe leben. In den Verein kommt man auch nicht so einfach: drei Jahre ist man auf Probe dort. Das Klientel rekrutiert sich vorrangig aus Akademikern, so unser Motelchef, der auch darauf hinwies, dass die Mönche nicht auf Profit, sondern auf Plus Minus Null hinwirtschaften. Die Führung endete trotzdem im Andenkenlädchen.

Soweit so gut: mein naives, stereotypes Bild des selbstlosen, zurückgezogen und unter einfachsten Verhältnissen lebenden Mönches erweiterte sich dann doch um einige interessante Aspekte. Aus der anderen Besuchergruppe erzählte uns ein Ägypter, seines Zeichens Tour Guide und schon öfter Besucher hier, dass die koptische Kirche bei weitem nicht arm sei und somit auch diese Klostergemeinde nicht am Hungertuch nage. Dies erklärt wohl auch den Umstand, der mein Bild etwas bunter färbte, dass Bruder Ruwaiz nicht auf technische Errungenschaften wie Laptop, Kühlschrank oder Mikrowelle verzichten muss. Am Ende bat er uns auch darum ihm doch Kaffee aus Deutschland zu schicken, der ägyptische sei schlecht.
Vielleicht ist es doch garkein so negativ assoziertes asketisches Leben wenn man eben auf Beten und Singen steht. Die Lage ist wirklich schön und man hat seine Ruhe.

So war es ja auch unsere Überlegung etwas länger im Klostergemäuer zu verweilen. Da wir recht schnell aber am Andenkenladen abgefertigt und wenig zum bleiben eingeladen wurden oder sich das Gefühl erbaute, gingen wir dann noch zur Höhle vom Heilijen Antonius. Der errichtete sich dort sein Heim, da ihm die ganzen Pilger und Anhänger auf die Nerven gingen. Die Höhle liegt in den angrenzenden Bergen/Hügeln. Über 1000 Stufen führten dort hin. Er ist also, wie man sich denken kann, der Begründer des Klosters. Warum dies so kam? Am Nil erblickte er eine Art Meerjungfrau, die ihn ob ihres Anblicks erregte oder aufregte und er sie so aufforderte sich zu bedecken. Er sei schließlich ein gläubiger Mann. Sie schickte ihn dann in die Wüste, wenn er denn ein solch enthaltsames Leben leben wollte. Dessen besann er sich und so ging das ganze seinen Weg.

Um noch etwas zum Glauben zu sagen. Interessant war die naive Frage, die wir auch schon vom Motelchef hörten, welchen Glauben wir hätten.Hier musste Judith den lieben Bruder enttäuschen, da sie keinen solchen vorweisen konnte. Wir befriedeten die Neugier, dass wir Protestanten seien. So leicht kann man’s sich machen…

Früher als erwartet haben wir also den spirituellen Teil des Tages hinter uns gebracht und mussten nur noch nach Hause kommen. Ob und wann ein Auto fährt wussten wir nicht und so setzten wir uns an den Ausgang, wo dann schon bald ein Pickup erschien, der zwei Deutsche ablud. Lustig. Deutsche. Hier, mitten in der Wüste… Aber wir hatten keine Zeit zum quatschen. Der Fahrer wollte natürlich weiter. Der Platz war knapp und so hab ich’s mir auf der Ladefläche bequem gemacht. Nichts unübliches, die Fortbewegungsmittel sind hier schon abenteuerlicher, aber umso sympathischer – aber dazu ein andermal mehr. Es ging durch die Wüste und bei 100km/h wird es dann schon ganz schön windig. Aber es war großartig. Es hätte alles mögliche schief gehen können und trat doch nicht ein.Wir landeten also wieder beim Motel und machten uns einen entspannten Nachmittag. Der folgende Tag brachte uns schließlich wieder auf die Piste nach Fayum. Von der Wüste ins Niltal…

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2 Antworten zu “Von Kopten, Straßen und Heiligen

  1. da bin ich aber froh, dass es du was über Kloster und Askese gelernt hast. Seine Ruhe hat man aber in einer solchen Lebens- Gemeinschaft eher nicht! ….Gruppendynamik und so 🙂

  2. Wüste, Wind und 100km/h auf der Ladefläche und die Frisur hält? Na, hoffe ich! Dann kehr jetzt mal Deinen Beschuetzerinstinkt raus und pass auf unsere kleine Judith auf! Viel Spass noch der Kleinen und der Grossen und allen anderen Mitreisenden.

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